Obere Havel

Ende Juni 2018

In Mecklenburg begann Anfang der 90er Jahre unsere Paddel­leidenschaft. Nun war endlich einmal wieder eine Tour ├╝ber die obere Havel und angrenzende Gew├Ąsser auf dem Plan. Ganz allgemein geh├Ârt die Mecklen­burgische Seen­platte nun einmal zu den sch├Ânsten Paddel­revieren, die unser Land zu bieten hat.

Da wir ausreichend Zeit hatten, gab es vorher keine pr├Ązise Touren­planung, dort oben kann man sich auch ganz prima ein bisschen treiben lassen. Durch viele Touren in dem Gebiet w├Ąhrend unserer Dresdener Zeit k├Ânnte ich die dortige Paddel­revier-Karte vermutlich aus dem Kopf skizzieren und so waren wir gespannt, was sich dort ├╝ber die Jahre alles so ver├Ąndert hat. Wir hatten auch noch unseren alten, verbeulten Wasser­wander­atlas von 1993 mit an Bord.

Wir starten also in Kratzeburg am K├Ąbelicksee. Dort beginnt die befahrbare Strecke der oberen Havel, es gibt einen netten Camping­platz und einen Bahnhof, um am Ende der Tour das Auto abholen zu k├Ânnen. Das Wetter ist ziemlich durch­wachsen, um nicht zu sagen - mies. Aber unsere Ausr├╝stung und das Spritz­verdeck unseres Bootes werden uns sch├Ân trocken halten.

Auf dem Camping­platz "Natur­freund" ist wetter­bedingt nicht allzu viel los. Nur eine gr├Â├čere Sch├╝ler­gruppe ist aufgeregt mit dem Verpacken ihrer Ausr├╝stung und dem Kennen­lernen der ungewohnten Fort­bewegung besch├Ąftigt. Beim Start sind wir allein und es bleibt auch den ganzen Tag ├╝ber einsam, abgesehen von ganz wenigen Booten, die uns unterwegs entgegen kommen. Die Str├Âmung der Havel ist so gering, dass man problemlos in beide Richtungen paddeln kann. Wenn man in Kratze­burg startet, hat man aber tendenziell h├Ąufiger R├╝ckenwind.

├ťber Granziner und Schulzensee, durch romantische Fluss­abschnitte verbunden, kommen wir zur kurz frei flie├čenden Stein­havel. Dort rinnt die Havel als ganz kleines B├Ąchlein unbefahrbar zum Pagelsee. Schon zu DDR-Zeiten wurde eine Loren­bahn zum Boots­transport angelegt. Mit den heute gr├Â├čeren Loren k├Ânnen jetzt 4 beladene Kanus die ca. 700 m Umtrage­strecke transportiert werden. Ung├╝nstig nat├╝rlich, wenn die Loren an der falschen Stelle stehen geblieben sind, dann kann man schon mal ganz sch├Ân tippeln. Wir haben unseren eigenen Boots­wagen dabei und sind dadurch unabh├Ąngig von den Loren - und er rumpelt auch nicht so laut.

An die Umtrage­stelle selbst erinnern wir uns beide aber so ├╝berhaupt nicht mehr. Dann wird uns klar, dass hier fr├╝her eine offene Fl├Ąche am Rand des ehemaligen Truppen­├╝bungs­platzes war und inzwischen alles zugewachsen ist. Die Kernzone II des M├╝ritz-National­parks, durch die man paddelt, macht sich bemerkbar. (Bei Google Earth kann man auch ├Ąltere Karten einblenden, wodurch man die Entwicklung eindrucks­voll nach­voll­ziehen kann.)

Bei der alten Schleuse Babke gibt es noch eine kurze Loren­bahn (ca. 60 m), dort rollern wir schnell vorbei. Nebenan gibt es einen kleinen Imbiss. Kurz vor Kakeld├╝tt versuchen wir, durch den Stich­kanal zum Jamelsee zu treideln, um zum Camping­platz Hexen­w├Ąldchen zu kommen. Der Kanal ist aber so seicht, oder der Wasser­stand so niedrig, dass wir schon nach ein paar Metern aufgeben. Das ging "fr├╝her" selbst mit den beladenen Pouch-Falt­booten - sollte wohl mal wieder jemand ausbaggern.

Also fahren wir weiter bis zum Useriner See. Auf dem Camping­platz begegnen wir wieder der Sch├╝ler­gruppe, die wir schon kennen. Alle total erledigt und ihre Stimmung ist durch das regnerische, kalte Wetter auch ziemlich am Boden. Abends h├Ârt der Regen auf und es kommt noch zu einem netten Treffen am Lagerfeuer.

Am n├Ąchsten Morgen wird das Wetter besser, wir lassen uns viel Zeit beim Fr├╝hst├╝ck und schauen der Sch├╝ler­gruppe beim Packen und beim Start zu. Die Betreuer haben die Gruppe gut im Griff, alles l├Ąuft ruhig und organisiert. Wie wir schon abends am Lager­feuer erfuhren, betreuen einige Lehrer diese Tour schon seit mehreren Jahren. Danach fangen auch wir langsam an einzu­packen und begeben uns aufs Wasser. Es ist einfach sch├Ân hier. Die Stille, das satte Gr├╝n, dazwischen jede Menge Wasser­v├Âgel - herrlich. Am S├╝dufer des Useriner Sees m├╝ssen wir genau hinsehen, um die Einfahrt zum Kanal zur Zwenzower Schleuse zu erkennen. Die Schleuse ist nur wenige Male am Tag in Betrieb; f├╝r Paddler ist eine sehr bequeme, kurze Loren­bahn eingerichtet.

Weiter geht es in Richtung Wesenberg am Woblitzsee. Dort beginnt die Obere-Havel-Wasser­stra├če mit einigem Motor­boot-Verkehr. Auf dem See sind die Boote weit genug entfernt, die Haus­boote sind auch recht leise und st├Âren die Ruhe nicht besonders. Nur an der Schleuse Wesenberg werden uns der Verkehr und die stinkenden Abgase unan­genehm, aber da m├╝ssen wir durch. Au├čerdem wissen wir, dass wir schon nach ein paar hundert Metern in die Schwaanhavel abbiegen k├Ânnen, wo wieder motor­boot­freies Gebiet beginnt. Auch die Schwaanhavel w├Ąchst langsam zu, hat aber dadurch einen ganz aben­teuerlichen Charakter bekommen.

Am S├╝dufer des Pl├Ątlinsees kommt Wustrow in Sicht, wo man zum Klenzsee umtragen kann. Dort haben wir vor Ewig­keiten mal eine Oster­paddel­runde begonnen. Damals war dort nur Wiese, jetzt gibt es einen sch├Ânen Kanuhof, wo wir uns etwas zum Essen und Trinken holen und wo man auch gut ├╝ber­nachten kann. Die Sch├╝ler­gruppe, die wir inzwischen ├╝berholt hatten, macht dort auch Rast.

Auf dem Platz stehen volle Kirsch­b├Ąume mit leckeren, reifen Fr├╝chten. Aus irgend­einem Grunde sind wir quasi die Einzigen, die sich daran g├╝tlich tun. Wahr­scheinlich ist es in Jugend­kreisen nicht mehr bekannt, was Kirschen sind, man darf sie dort aus­dr├╝ck­lich auch essen. Oder der Blick aufs Handy l├Ąsst so etwas Leckeres in der Umgebung nicht mehr erkennen? Uns soll es recht sein. Wir wollen noch etwas weiter und paddeln bis zum gem├╝tlichen Camping am Gobenowsee. Wie man vielleicht schon ahnt, trifft dort nach einiger Zeit auch "unsere" Sch├╝ler­gruppe wieder ein.

Holz und Platz f├╝r ein Lager­feuer sind vorhanden, einer der Lehrer hat eine Gitarre dabei und wir auch. Der Lehrer hat einige halb­seidene Lieder im Repertoire, manche Sch├╝ler schauen etwas betreten. Ganz merk­w├╝rdig wird es, als er Lindenbergs "Sie war gerade 16 Jahr'..." singt, scheint ihm aber nicht aufzu­fallen. Ein paar andere Camper gesellen sich dazu und sind der Meinung, dass Susi und ich zu den Betreuern der Gruppe geh├Âren w├╝rden, da wir so vertraut mit­ein­ander w├Ąren. Wir finden noch einige Lieder, mit denen alle etwas "anfangen" k├Ânnen und es wird ein langer, lustiger Abend.

Am n├Ąchsten Tag lassen wir die Gruppe wieder vor uns starten, wir werden sie ohnehin wieder einholen. Unsere lang­j├Ąhrig ge├╝bte Paddel­technik l├Ąsst uns locker an ihnen vorbei ziehen, obwohl auch einige Boote dabei sind, in denen ziemlich kr├Ąftige junge Leute paddeln. Wir ahnen schon, dass wir ihnen nochmals begegnen werden, obwohl nun zwei Varianten f├╝r die Weiter­f├╝hrung der Tour bestehen: Man kann ├╝ber die Dollbek zum Labussee fahren oder die l├Ąngere Strecke ├╝ber die malerische Drosedower Bek zum R├Ątzsee. L├Ąnger gef├Ąllt uns besser.

Am S├╝dende des R├Ątzsees stand fr├╝her die Fleether M├╝hle, sie fiel 2001 Brand­stiftung zum Opfer. Jetzt ist dort ein gro├čer Bier­garten, in dem wir ein wenig "h├Ąngen­bleiben". Wir plaudern ein Weilchen mit einem netten Paddler aus der Schweiz, der gerade dabei ist, die Gegend zu entdecken und uns vorschw├Ąrmt, wie sch├Ân es dort ist. Recht hat er. Wir winken noch einmal "unserer" Sch├╝ler­gruppe, die neben dem Bier­garten vorbei umtr├Ągt, diesmal wirklich zum letzten Mal. Sie wollen nur noch bis zum Vilssee, dort endet ihre Tour.

Wir beschlie├čen, noch nach Norden bis nach Mirow zu paddeln. Beim dortigen Camping­platz gibt es ein sch├Ânes Restaurant mit herrlichem Seeblick, romantischem Sonnen­unter­gang und wirklich gutem Essen. Ein v├Âllig anderer Abend als die vorherigen, auch sch├Ân.

Nach einer geruhsamen Nacht starten wir zum letzten Teil des Aben­teuers: Boot, Zelt und Gep├Ąck d├╝rfen wir auf dem Camping­platz lassen. Wir laufen zum Bahnhof Mirow und fahren von dort zuerst auf einer kleinen Neben­strecke mit einem alten Schienen­bus nach Neustrelitz. Schon an dem eigentlich abgelegen Bahnhof in Mirow stehen mehrere Busse und viel zu viele Uniformierte. Das passt gar nicht zu dem vertr├Ąumten ├ľrtchen. Auch in unserem Schienen­bus sind neben dem Fahrer noch f├╝nf andere Bahn­ange­stellte unterwegs. Merkw├╝rdig.

An der Fensterscheibe sehen wir einen Aufkleber, der alles klarer werden l├Ąsst: Auf dem ehe­maligen Milit├Ąr­flug­platz in L├Ąrz, zwischen Mirow und M├╝ritz, beginnt heute das Fusion-Festival (Musik- und Kultur­festival mit der Eigen­bezeichnung "Ferien­kommunismus"). Ein Gl├╝ck, dass wir in die entgegen­gesetzte Richtung unterwegs sind.

Beim Umsteigen in Neustrelitz bricht dann vollends die H├Âlle los. Aus dem Zug Berlin-Rostock, mit dem wir zur├╝ck nach Kratzeburg fahren, quellen unsagbar viele verschwitzte "bunte V├Âgel" mit Festival-Gep├Ąck. Die Luft im Zug kann man schneiden und eine ├Ąltere Dame, die mit im Zug war und nun allein zwischen Bier­flaschen und anderem Liegen­gelassenen sitzt, ist v├Âllig erledigt. Wir versuchen sie ein bisschen aufzu­heitern, aber schon am n├Ąchsten Halt m├╝ssen wir aussteigen.

Unser treues Reiseauto steht wohl­behalten auf dem Bahnhofs­parkplatz. Viel schneller sind wir per Auto wieder in Mirow, laden Boot und Gep├Ąck ein und fahren nach Rheinsberg, um uns den Rhin anzusehen. Anschlie├čend geht es in Richtung Ostsee, denn dort m├╝ssen wir auch mal wieder hin, wir haben noch einige Urlaubs­tage vor uns.

Auf jeden Fall ist die obere Havel immer noch eine Empfehlung, nur in der Hoch­saison w├╝rden wir sie eher meiden. Aber unsere Best­wertung bekommt sie ohne Zweifel: