Harzreise von Nordhausen nach Goslar

Mitte Oktober 2020

Nachdem wir ein Familien­wochenende auf der Wachsenburg verbringen wĂŒrden, ist es fĂŒr uns klar, dass wir die darauf folgende Herbst-Urlaubswoche irgendwo dort in der NĂ€he wandern wollen.

Der Hainich reicht vielleicht fĂŒr eine 3-Tages-Tour, fĂŒr eine Woche ist er zu klein. DafĂŒr ist aber der Harz groß genug und wie sich heraus­stellt, kennt Susi dort kaum etwas, also genau das richtige Reiseziel. Dort könnte man auch drei Wochen unterwegs sein, aber wie "erfindet" man nun die passende Tour?

Im Harz gibt es drei miteinander verbundene Schmal­spur­bahnen, die Harzquerbahn, die Brockenbahn und die Selketalbahn. Das ergibt schon mal ein erstes GerĂŒst fĂŒr die Tour­planung. WĂ€hrend der Recherche stoße ich auf die Harzer Wander­nadel. Die kann man bekommen, wenn man im Harz Stempel sammelt. Die Stempel­stellen sind ĂŒber den ganzen Harz verteilt, man findet sie meist an bedeutenden, aber auch kleineren sehens­werten Orten. Stempel und Abzeichen sind uns herzlich egal, aber das Netz der sehens­werten Orte ist eine große Hilfe.

Zu guter Letzt sind noch die Übernachtungen zu planen. Zuerst denken wir an eine Tour mit Zelt und unseren Wanderwagen. Allerdings ist in einem Teil des Harzes "wildes" Übernachten auch in der NĂ€he der Schutz­hĂŒtten ausgeschlossen (Nationalpark), das Netz der verfĂŒgbaren Camping­plĂ€tze reicht auch nicht fĂŒr die Tour. Schlussendlich entscheiden wir uns dann fĂŒr kleines GepĂ€ck und ĂŒbernachteten in Hotels und Pensionen.

Eine derartige Tour lĂ€sst weniger Möglichkeiten fĂŒr spontane Plan­Ă€nderungen, dafĂŒr spart man aber GepĂ€ck und Aufwand fĂŒr die Lagersuche, Auf- und Abbau usw. Außerdem wĂ€re es schade, durch die schönen Fachwerk­stĂ€dtchen zu wandern, um dann abends irgendwo im Wald zu ĂŒbernachten, zumal es im Oktober ja auch schon recht frĂŒh dunkel wird.

Die Tour-Etappen sind ins Handy geladen, die Über­nachtungen organisiert, jetzt kann es gut vorbereitet losgehen:

WÀhrend der Anreise machen wir einen kurzen Stopp in Nordhausen, wo meine Eltern eine Zeit lang wohnten. Die Stadt hat sich in den letzten Jahrzehnten schön herausgeputzt, allzu viel historische Bausubstanz hat sie dennoch nicht, im 2. Weltkrieg wurde sie zu drei Vierteln zerstört.

Von Nordhausen fĂ€hrt die Harz­querbahn bis nach Wernigerode, wir parken unser Auto in Elend und zuckeln mit der kleinen Bahn zurĂŒck zum Bahnhof Netzkater, wo unsere Wanderung beginnt. Vom ehemaligen Ort ist nach dem Niedergang des Bergbaus nur der Bahnhof und eine Ausflugs­gaststĂ€tte geblieben. Netzkater liegt im Treffpunkt dreier tief eingeschnittener TĂ€ler, was wir vom "DreitĂ€lerblick" gut ĂŒberblicken können. Im SĂŒdharz wachsen, anders als in der Brocken­gegend, schöne MischwĂ€lder, deshalb gibt es dort weniger Probleme mit Trocken­heit und Borken­kĂ€fer. Außerdem ist der Wald im Herbst natĂŒrlich viel schöner anzusehen.

Wir steigen weiter auf zum Poppen­bergturm. Der Harzverein hat schon vor ĂŒber hundert Jahren einige schöne Aussichts­tĂŒrme gebaut, dass man Susi mit Aussichts­tĂŒrmen locken kann, ist ja allseits bekannt. Wir haben an diesem Tag eine ganz gute Sicht im SĂŒden ĂŒber die Goldene Aue, im Norden bis zum Brocken. Und auch das Josephskreuz, ein Ziel des nĂ€chsten Tages, ist schon zu erkennen.

Über das Hufhaus (Gasthaus+Ferien­gelĂ€nde mit konserviertem "DDR-Charme") und die Talsperre Neustadt wandern wir bis nach Stolberg. Der Regen, den wir in der Ferne nur durch Regenbogen-BruchstĂŒcke erahnen können, verschont uns. Stolberg ist ein echtes Kleinod als historisches Fachwerk-StĂ€dtchen. Dort ist es gelungen, die AtmosphĂ€re zu erhalten, indem im Stadt­inneren auf moderne Werbung, Verkehrs­zeichen usw. verzichtet wird. Wirklich schön und sehenswert. Im uralten Gasthaus Kupfer bekommen wir leckeres Abendbrot und lernen spĂ€ter auch noch den Stolberger Klippenkuzer kennen.

Am nĂ€chsten Morgen machen wir einen Umweg ĂŒber den Bandweg, um einen Blick auf Stadt und Schloss zu erhaschen. Danach folgt der nĂ€chste Anstieg hinauf auf den Großen Auerberg zum Josephskreuz. Die Anlehnungen an sein berĂŒhmtes Vorbild in Paris sind klar zu erkennen, die Form des "vierzĂ€hlig drehsymmetrischen Doppelkreuzes" ist aber ganz besonders. Leider hat sich die Sicht inzwischen eingetrĂŒbt, KyffhĂ€user und Brocken sind verschwunden. Vorbei an alten berg­baulichen Wasser­speichern wie dem Kiliansteich wandern wir weiter nach Straßberg im Selketal.

Dort kommt pĂŒnktlich der Zug aus Richtung Harzgerode angedampft. Der kleine Triebwagen, der uns nach Quedlinburg bringen wird, sieht neben ihm richtig mickrig aus. Der Motor unseres GefĂ€hrts scheint ziemlich schwach zu sein; selbst bei geringen Steigungen könnte man den Zug fast mit dem Fahrrad ĂŒberholen. Dadurch hat man aber viel Zeit in die Landschaft zu schauen und schnell muss es ja auf unserer Reise auch nicht gehen. Unterwegs hĂ€lt der kleine Triebwagen an einem unbeschrankten Waldweg, wo der Fahrer zwei Familien mit Kindern einsteigen lĂ€sst, die nicht rechtzeitig den Haltepunkt erreicht haben. DafĂŒr bekommt er Beifall.

Irgendwann kommen wir dann auch in Quedlinburg an, das genau genommen nicht mehr direkt im Harz liegt, das wir aber trotzdem nicht verpassen wollen. Quedlinburg bietet viel Fachwerk­architektur, die sich vom historischen Stadtzentrum bis zum Schlossberg zieht. Falls es irgendwann mal wieder Weihnachts­mĂ€rkte geben sollte, kommen wir bestimmt in der Adventszeit nochmal hierher. Wir dĂŒrfen auch in einem alten Fachwerkhaus ĂŒbernachten (Hostel & Hotel Samocca), das liebevoll, praktisch und auch modern eingerichtet ist. Abends haben wir noch Lust zu einem kleinen Stadtrundgang.

Am nĂ€chsten Morgen hat die angekĂŒndigte Regenfront endgĂŒltig gewonnen. Was ist das denn fĂŒr ein Geburtstags­wetter?! Also ziehen wir bereits beim Verlassen des Hotels die komplette Regen­ausrĂŒstung an und werden sie auch bis zum Abend nicht mehr los. Mit der Regionalbahn fahren wir in kurzen 12 Minuten nach Thale.

UrsprĂŒnglich wollten wir vom Hexen­tanz­platz ĂŒber La Viershöhe und Prinzen­sicht zum Bodekessel ins Bodetal absteigen. Das wird gleich doppelt vereitelt: Die Seilbahn zum Hexen­tanz­platz ist witterungs­bedingt außer Betrieb und das Bodetal ist wegen BerĂ€umung des Fels­sturzes an der Schurre gesperrt. So können wir nur ein StĂŒckchen bis zum Gasthaus Königsruhe ins Bodetal wandern und auf dem anderen Ufer zurĂŒck. Vielleicht verstĂ€rkt das Wetter sogar die mystische und romantische Stimmung, die schon Heine und Goethe beeindruckt hat.

Unser Tagesziel ist Blankenburg und dorthin wĂ€hlen wir einen Weg entlang der Teufels­mauer. Die wechselvolle geologische Geschichte des Harzes kann man allerorts entdecken, nicht zuletzt auch in seiner Bergbau­geschichte. Es wurden und werden verschiedenste Erze, Gesteine und Mineralien abgebaut. Die Teufelsmauer am Harzrand zwischen Ballenstedt und Blankenburg wurde bereits im 19. Jahrhundert unter Schutz gestellt, damit sie nicht weiter angeknabbert wird. Stellenweise ragt die Teufels­mauer hoch aus dem GelĂ€nde, woanders sind die Klippen im Wald versteckt. Der Weg an der Mauer und ĂŒber ihren Kamm lohnt sich ĂŒberall. Sehr sehenswert ist auch das StĂŒck bei Blankenburg.

Beim Einchecken im FĂŒrstenhof in Blanken­burg lĂ€uft Susi immer noch Regenwasser vom Ärmel, aber unter unseren Regen­sachen sind wir schön trocken geblieben. Die Köche kochen ein hervorragendes Geburtstagsabendessen.

Blankenburg hat auch einige Fachwerk­hĂ€user zu bieten und ein schönes Schloss ĂŒber der Stadt. Das bleibt aber leider in den Wolken verborgen und fĂŒr einen zusĂ€tzlichen Rundgang durch den Schlosspark ist uns die geplante Strecke nach Wernigerode zu lang. FĂŒr die Sanierung der Randbereiche der Stadt, durch die wir kommen, fehlte bisher wohl stellenweise das Geld. Blankenburg ist bei weitem nicht so touristisch erfolgreich wie seine Nachbarorte, vielleicht zu Unrecht.

Unsere Route könnte nach Wernigerode zwar geradliniger verlaufen, wir wollen uns aber unbedingt auch die Sandhöhlen bei Blankenburg und die Burg Regenstein ansehen. Zumindest hier ist der Name ja Programm. Die Regenstein­mĂŒhle dreht sich noch nicht, Enthusiasten wollen sie aber wieder aufbauen, vermeldet eine Infotafel. Hoffen wir, dass es ihnen gelingt.

Die zur "Autobahn" ausgebaute B6 zu kreuzen, ist gar nicht so einfach. In Heimburg bleibt der kleine Aussichts­hĂŒgel mangels Aussicht unbestiegen, wir erfreuen uns stattdessen an den zauber­haften Herbst­farben beim Ziegenberg, der die felslose VerlĂ€ngerung der Teufels­mauer nach Norden darstellt. Auch der Austbergturm bei Benzingerode steht auf einer weiteren lang­gezogenen Bodenrippe. Kurz vor Wernigerode kĂ€me noch die Horstberg-Warte auf einer weiteren Rippe dieser geologischen Linie. Dort mogeln wir aber wegen Wetter und Sicht ein bisschen und sitzen trocken im Bus, der uns bis ins Zentrum von Wernigerode bringt.

Wernigerode ist uns eigentlich zu touristisch, fĂŒr die eine Nacht aber eine nette Station. In der Innenstadt gibt es eine HĂ€ufung von Friseuren und SchuhlĂ€den, wandern kann man in den Schuhen aus den Schau­fenstern aber bestimmt nicht. Gut, dass wir ĂŒberall fĂŒr das Abendessen vorab reserviert haben: in Wernigerode hĂ€tte es schwer werden können, ĂŒberhaupt irgendwo ein PlĂ€tzchen zu bekommen, die verringerte Platz­kapazitĂ€t durch die Hygiene­maßnahmen kann den Ansturm der Herbst­touristen kaum bewĂ€ltigen.

Das Schloss ist auch am nĂ€chsten Morgen von Wolken verhĂŒllt und wird nur fĂŒr einen Augenblick sichtbar. Wir sind fĂŒr heute mit einer alten Schul­freundin Susis verabredet, die zufĂ€llig in der NĂ€he ist und ein StĂŒckchen mit uns wandern möchte. Gemeinsam mit ihr fahren wir zum Bahnhof "Steinerne Renne" der Harzquerbahn. Von dort wandern wir stetig bergauf durch das malerische Tal. Der Regen der letzten Tage hat die Holtemme zu einem rauschenden und fauchenden Ungeheuer anschwellen lassen, die hier sonst als kleines, zahmes BĂ€chlein entlang­plĂ€tschert. Der Regen verschont uns heute bis auf ein paar kurze Schauer.

Das Hotel Steinerne Renne scheint schon bessere Tage gesehen zu haben und bietet nur Imbiss auf der Terrasse. Über mangelnde Besucher kann man sich dort nicht beschweren, aber schon das Warmmachen einer Bockwurst scheint fĂŒr das Personal eine Herkules­aufgabe zu sein. Über Lautsprecher werden die bestellten Gerichte plĂ€rrend ausgerufen - gut, falls ein Gast wĂ€hrend der Warterei eingenickt sein sollte. 😉

Entlang unseres weiteren Weges zum Ottofels wird das Ausmaß der Wald­schĂ€den im Brocken­gebiet ĂŒberdeutlich sichtbar, Fichten-Mono­kulturen wird man hier hoffentlich nicht mehr anpflanzen. Allerdings hat der Wanderer jetzt hĂ€ufiger die Möglichkeit, Aussichten zu genießen, wenn das Wetter es zulĂ€sst. Meine ursprĂŒngliche Planung sah fĂŒr diesen Tag einen Weg ĂŒber einige Klippen und Felsen nach Schierke und weiter bis nach Elend vor. Die SchwĂ€tzchen der beiden Damen, die sich viel zu erzĂ€hlen haben, machen uns heute etwas langsamer als an den anderen Tagen, so laufen wir nur bis Drei Annen Hohne. Dort verabschieden wir uns von unserem Wandergast und fahren in entgegen­gesetzter Richtung ein StĂŒckchen mit der Harzquerbahn zu unseren Autos.

Am folgenden Tag wollten wir uns ursprĂŒnglich mit Susis Bruder treffen, um als Finale der Tour gemeinsam auf den Brocken zu steigen. Den Brocken haben wir aber schon seit Tagen nicht mehr gesehen und auch fĂŒr den nĂ€chsten Tag ist dort oben richtig mieses Wetter angesagt, zusĂ€tzlich noch mit Temperaturen um den Gefrier­punkt. Am Telefon sind wir uns einig, dass es sich kaum lohnt, extra von Magdeburg herzufahren, um bei eisigem Regen­wetter auf diesen Berg zu wandern. Vielleicht beim nĂ€chsten Mal.

So stört es uns wenig, dass wir in Elbingerode auf dem Camping­platz wegen inzwischen verhĂ€ngtem Beherbergungsverbot nicht aufgenommen werden. Gut, dass wir schon mit dem Auto hier angekommen sind, zu Fuß hĂ€tten wir ganz schön dumm dagestanden. Ein paar kurze Telefonate spĂ€ter ist klar, dass es im benachbarten Niedersachsen kein Beherbergungs­verbot gibt und wir werden auf dem Campin­g­platz in Goslar, wenige Kilometer entfernt, freundlich begrĂŒĂŸt. Unterwegs haben wir uns schon die Zutaten fĂŒr ein leckeres Essen geholt. So verbringen wir diesen Abend bei einem ausgiebigen und gemĂŒtlichen Mahl an frischer Luft vor unserem rollenden "Schneckenhaus".

Statt der ursprĂŒnglich geplanten Wanderung an unserem letzten Reisetag verbummeln wir diesen zuerst im historischen Goslar und danach noch an einigen kleinen Örtchen entlang des Harzrandes, bevor wir am spĂ€ten Nachmittag bei Quedlinburg zum "RĂŒckflug" ĂŒber die Autobahn ansetzen.

Was soll man sagen, trotz der zeitweise "anspruchsvollen" Witterung hat uns die Tour großen Spaß gemacht und wird uns sicher noch lange in Erinnerung bleiben. Die vielen Fotos die wir mitgebracht haben, werden uns dabei behilflich sein. Schau gern mal selbst...